Quelle: Petra Schmidt / pixelio.de

Noch jemand zurück ins 20. Jahrhundert?

Immer mal wieder liest man wundersame Ideen im Zusammenhang mit Elektromobilität. Ich habe dann meist das Gefühl, dass diese Ideen von Leuten stammen, die selbst von einer Probefahrt abgesehen noch nie Elektroauto gefahren sind. Zumindest können sie ihre eventuell vorhandene Praxiserfahrung aber saugut verstecken. Die letzte Idee aus dieser Kategorie habe ich bei RWE gesehen, deren Pressemitteilung mich doch so sehr gekitzelt hat, dass ich diesen Beitrag einfach schreiben musste.

Worum geht’s?  Um nicht weniger als die „Lösung für die Tankstelle von morgen“. Tadaaa! Na das ist doch nicht schlecht, mag man da denken. Gewiss, Probleme lösen ist immer gut, und wenn man damit noch Geld verdienen kann auch. Bitte nicht falsch verstehen: ich unterstütze jede Investition in die Ladeinfrastruktur. Nur finde ich es schade, wenn Gelder in Ladesäulen gesteckt werden, die nachher kaum einer nutzt.  Da viele zukünftige Betreiber selbst noch keine Elektroautoerfahrung haben, können sie natürlich nur schwer abschätzen was sinnvoll ist und wie ein Elektromobilist denkt. Der folgende Kommentar ist also beispielhaft zu sehen und als Tipps für Investoren gedacht, sich über die aufzustellende Säule und ihren künftigen Platz gute Gedanken zu machen, damit die Investition auch was bewirkt – nämlich sowohl einen Nutzen für die Elektromobilität als auch hoffentlich einen unternehmerischen Nutzen für den Betreiber. Und dazu schauen wir uns die Pressemitteilung jetzt gemeinsam der Reihe nach an:

Quelle: Hartmut910 / pixelio.de
Quelle: Hartmut910 / pixelio.de

„Wir zeigen eine intelligente RWE-Ladesäule für Wechselstrom-Ladung an Tankstellen.“

Ladung an der Tankstelle?! Mann was war ich froh, dass ich mit dem Elektroauto nicht mehr zur Tanke muss. Da stinkt’s nach Benzin. Meist sind Öl- und Kraftstoffflecken auf dem Boden. Fast alle Tankstellen sind zugige, ungemütliche Orte, die selten malerisch gelegen sind. Ich will auch keine Umweg machen und extra zur Tanke fahren um zu laden. Klar, die stofflichen Eigenschaften von Benzin und Diesel machten im letzten Jahrhundert Tankstellen notwendig. Die Infrastruktur für Strom ist aber fast überall vorhanden. Man muss ihn nicht wie Benzin mit dem Tanklaster an einen bestimmten Ort bringen, wo ihn die Kunden dann zapfen können. Also lasst uns bitte die Chance der Elektromobilität nutzen und Ladesäulen da aufstellen, wo sie praktisch sind: an Einkaufszentren, Schwimmbädern, Kinos, Restaurants, P+R, Firmenparkplätze, Bibliotheken, Fitnessstudios, … Überall wo man sich sowieso etwas länger aufhält. Aber gewiss nicht an einer Tanke.

Quelle: Barbara Nobis / pixelio.de
Quelle: Barbara Nobis / pixelio.de

„Der Verbrauch wird direkt ins Kassensystem zur Abrechnung übertragen. Laden und Bezahlen ist so ganz einfach – bei voller Transparenz für alle.“

Übertragung ins Kassensystem?! Wer außer dem Hersteller des Kassensystems braucht das denn bitte? Ich möchte einfach per EC- oder Kreditkarte, wegen mir auch zusätzlich per Smartphone-App oder Handyrechnung bezahlen. Ich habe das schon früher beim Benzintanken nicht verstanden, warum ich erst umständlich in das Kassenhäuschen laufen muss, mich dort noch ewig  in einer Schlange anstellen muss um dann von einem Verkäufer meine EC-Karte ins Ladegerät stecken zu lassen. Reine Zeitverschwendung, und die brauche ich mit dem Elektroauto nun nicht zurück.

Quelle: KFM / pixelio.de
Quelle: KFM / pixelio.de

„Wir übertragen heute mit unserem Know-how und unseren Lösungen das Stromtanken auf die Bedürfnisse der Tankstellenbetreiber“

Das ist nur leider die falsche Zielgruppe. Viel wichtiger wäre es, sich an den Bedürfnissen der Elektroautofahrer zu orientieren. Denn wenn ich die nicht erreiche, nützt mir die schönste Ladesäule nichts. Dann hat zwar der Hersteller an der Ladesäule verdient, der Betreiber schaut aber in die Röhre, weil keiner zum Laden kommt. Denn – Überraschung, lieber Tankwart, deine Ladesäule wird nicht die erste in der Gegend sein, auch wenn dir als Benzinkopf die anderen noch nie aufgefallen sind.

Quelle: Peter Reinäcker / pixelio.de
Quelle: Peter Reinäcker / pixelio.de

„Für Tankstellenbetreiber sind die RWE-Ladestationen jetzt eine Chance, bereits aktive Elektromobilisten als Kunden zu binden. Und sie gewinnen künftige Nutzer als neue Zielgruppe hinzu.“

Schöne Idee, nur war ich gerade froh, dass ich nicht mehr zur Kundengruppe gehören muss, die regelmäßig die Pilgerfahrt an die Tanke macht, und ich kann mir schönere Orte vorstellen, an die ich gebunden werde, siehe oben.

Quelle: Margot Kessler / pixelio.de
Quelle: Margot Kessler / pixelio.de

„Während der Ladezeiten nutzen E-Autofahrer den Tankstellen-Shop bequem für Einkäufe oder einen Snack.“

Logisch, ich geh doch nicht in den Supermarkt zum Einkaufen wo ich ein großes Sortiment und verünftige Preise habe, sondern zahle mit Freude die völlig überzogenen Preise an der Tanke für ein sehr überschaubares Sortiment. Und die fettreichen, wahlweise aufgebackenen oder lätschigen „Snacks“ lösen mit Sicherheit eine wahre Geschmacksexplosion aus. Manchen Leuten fällt scheinbar auch nichts anderes ein, als Zeiten mit Essen zu überbrücken, gibt ja keine anderen sinnvollen Tätigkeiten. In Verbindung mit dem steten Benzinduft sind Snacks ebenso wie Einkaufen an der Tanke eine großartige Idee für Elektromobilisten.

Quelle: Matthias Bozek / pixelio.de
Quelle: Matthias Bozek / pixelio.de

„Ein weiterer praktischer Vorteil: die Ladestationen können in Navigationssysteme und in die RWE-Lade-App der Kunden integriert werden.“

Klingt so, als ob Fahrer von Elektroautos da bislang ein Problem haben. Glaub ich aber nicht, ich kenne keinen, der nicht heute schon Ladesäulen im Navi hat und dazu noch eine oder mehrere Apps mit Ladesäulenverzeichnis.

Fazit

Schön gedacht, nur leider in die völlig falsche Richtung. ABER liebe Tankstellenbetreiber: hoffentlich habt ihr nicht schon frustriert aufgehört zu lesen. Ich finde es super, wenn ihr in Ladesäulen investiert – egal von welchem Hersteller. Doch stellt sie dann an Orten auf, wo sie von Elektromobilisten auch genutzt werden und verlangt einen realistischen Preis fürs Laden. Dieser Ort ist eben fast nie eine Tankstelle (von Autobahnrasthöfen abgesehen). Wenn ihr aber über den Tellerrand hinaus schaut, findet ihr schon Plätze, die für die Mobilität von morgen sinnvolle Ladeplätze sind und könnt so euer Geschäft ins Zeitalter der Elektromobilität retten.

4 Gedanken zu „Noch jemand zurück ins 20. Jahrhundert?“

  1. kann Dir nur Recht geben. Die Meldung der RWE ist so dämlich und falsch und gespickt mit schlechten Werbeslogansprüchen, dass man schon fast wieder lachen muss. Ein Paradebeispiel wie man es nicht macht.
    Welche Tankstellen sollen hier gemeint sein? Ich könnte mir das nur an Autobahnen vorstellen, aber hier haben wir doch immer das Problem, dass die heutigen E-Autos, außer Tesla, noch keine Reisefahrzeuge sind. Und Tesla hat seine eigene Tanke. Heißt somit, die Kundschaft wird sehr begrenzt sein, Säule amortisiert sich nie.
    Ca. 20% aller Fahrten sind Langstrecke, also auch nur 20% des Stroms wird am Ende auswärts geladen. Die 80% werden hauptsächlich zuhause und nur in Ausnahmefällen an der Säule. Hier wird nichts zu verdienen sein.
    Schätze, man wird früher oder später draufkommen, dass Laden an Säulen gratis ist und der Besitzer der Säule sich für seinen Supermarkt etc. mehr Geschäft verspricht. So wie es Tesla bereits mit seinem Destination Charging macht.
    RWE! Dinosaurier!

  2. Schon interessant so ein Elektroauto, was für eine Technik drin steckt. Würde mir gerne so ein kaufen und die Umwelt nicht so zu belasten, aber leider sind die Elektroautos noch zu teuer 🙁

    1. Hallo,
      na bis zum 31.12.2015 gibt es bei Renault und Nissan noch 5000€ Elektrobonus, ZOE ist damit zB ab 16.500€ Neupreis zu haben. Wenn man mal einen neuen Clio mit vergleichbarer Ausstattung konfiguriert, kommt man auch nicht billiger weg hat aber nachher höhere Betriebskosten. Außerdem gibt es auch schon Gebrauchte und günstige Importe aus Ländern mit staatlicher Förderung wie zB Frankreich zu haben. Es gibt auch Importeure, die sich genau darauf spezialisiert haben.

  3. Schon jetzt: wer hält sich an einer Tankstelle länger als nötig auf? Wenn ich tanke (noch muss ich), dann wenn der Tank fast leer ist, ich sowieso an einer vorbei komme und dort grade nix los ist (ein paar Cent mehr, kommt nicht drauf an). Und dann bin ich in 5 Minuten wieder weg.
    Laden bei Elektroauto ist das krasse Gegenteil, eine sekundäre Nebenher-Tätigkeit während man arbeitet, schläft, wohnt, einkauft, Freizeittätigkeit.
    Wer würde sich ernsthaft bei dem „Unterhaltungs- und Gastronomieangebot“ einer Nur-Tankstelle dort auch nur 20 Minuten fürs Schnellladen aufhalten? Da müssten sie schon zum Autokino umrüsten.
    Schon jetzt: wenn irgendwo eine Ladesäule in der Nähe einer Tankstelle steht, dann nicht wegen der Tankstelle, sondern dem Einkaufszentrum, dass auch noch dabei steht.

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