E-Motion statt Emission – Teil 1

Der folgende Beitrag stammt aus der Beilage „Klima vor Ort, Mai 2017“ der Südwest Presse in den Landkreisen Tübingen und Freudenstadt und wird mit freundlicher Genehmigung der Redaktion hier veröffentlicht.

Alle reden vom Elektro-Auto, kaum einer kauft es. Sind Bedenken wie die Reichweitenangst gerechtfertigt? Vorurteile abbauen wollen zwei passionierte Elektroautofahrer aus Horb und Eutingen. 

Akzeptanz der „Stromer“

Von den rund 45,8 Millionen zu Jahresbeginn in Deutschland angemeldeten Pkw sind 34 022 reine Elektrofahrzeuge, das entspricht einem Anteil von etwas über 0,07 Prozent. Allerdings wurden noch nie innerhalb eines Quartals mehr Elektroautos angemeldet als in den ersten drei Monaten dieses Jahres. Gleichzeitig ist die Elektromobilität in der Politik, den Medien, bei den Automobilherstellern und auf Messen in aller Munde. Der Bund fördert den Ausbau der Ladeinfrastruktur mit 300 Millionen Euro. Stuttgart richtet im Herbst das dreißigste „Electric Vehicle Symposium“ aus und schmückt sich mit dem Titel „Welthauptstadt der Elektromobilität 2017“. Befinden wir uns gerade mitten im Wandel hin zu alternativen Antrieben? Und wie steht es um die Akzeptanz der „Stromer“ bei uns in der Region?

Jérôme Brunelle aus Horb beschäftigt sich seit Anfang der 90er-Jahre immer wieder mit dem Thema Elektromobilität. Als er vor 20 Jahren als Hörfunkjournalist über den dreirädrigen „City-El“ berichtete, war er vom Konzept des Elektromotors fasziniert: „Das war wie eine Offenbarung!“ Als er sich sein erstes Elektroauto kaufen wollte, hat ihn sein Nachbar  ausgelacht. „Wir sind dann mit dem neuen Auto eine Runde zusammen gefahren – danach war er ganz begeistert.“ Das Elektroauto also als eine echte Alternative für alle Autofahrer? „Es kommt im Moment noch darauf an, wofür ein Fahrzeug gebraucht wird: für die ganze Familie und einen großen Urlaub? Oder muss ich damit nur zur Arbeit fahren?“ Für einen Zweitwagen empfiehlt Brunelle das Elektroauto. „Das Ladestationennetz hat sich in den letzten Monaten ganz massiv verbessert, an fast jeder Autobahnraststätte gibt es Schnellladestationen.“ Auch in der ländlichen Region finde man ausreichend Ladestationen. „Wenn ich beispielsweise zwischen Horb und Rottweil pendle, gibt es in Horb zwei Ladestationen der Stadtwerke, in Vöhringen eine Schnellladestation und Ladesäulen in Rottweil.“ Vorteil der ländlichen Region sei außerdem, dass viele Leute eine Garage haben und über Nacht zuhause laden können.

Vor kurzem hat sich Brunelle einen Tesla Model S60 angeschafft. Über Ostern kam das 330 PS starke Fahrzeug zum längeren Einsatz: Die Reise führte Familie Brunelle nach Paris. Acht Stunden brauchten sie von Freiburg aus, mit Ladezeiten von 1,5 Stunden.  „Das war perfekt“, schwärmt Brunelle. „Pausen braucht man sowieso zwischendurch.“

Die Reichweitenangst

Eine der häufigsten Bedenken: „Ich würde gern ein Elektroauto fahren, aber was ist, wenn die Batterie leer ist und ich unterwegs stehen bleibe?“ Brunelle ist überzeugt: „Die Reichweitenangst ist die Angst von Leuten, die nicht selber E-Auto fahren.“ Die heutigen Fahrzeuge sind oft rollende Computer, zeigen den Ladestatus an und weisen den Weg zur nächsten Ladestation. „Man plant halt anders“, sagt er. Allerdings: „Ein E-Auto sollte mindestens 300 Kilometer weit kommen.“

Ein weiterer Einwand sind die im Vergleich zu herkömmlichen Antrieben höheren Anschaffungskosten. „Aber der Anschaffungspreis ist nur das eine – die Unterhaltskosten liegen beim Elektroauto signifikant niedriger als bei einem Verbrennungsmotor. Der E-Motor ist wartungsfrei, es gibt keine Kupplung, die kaputtgehen kann, keinen Ölwechsel“, zählt Brunelle auf. Zudem sind Elektroautos zehn Jahre lang von der Kfz-Steuer befreit. Wer eine Solaranlage auf dem Dach hat und daheim lädt, hat noch nicht einmal Energiekosten.

Und man hinterlässt keine Emissionen. Dabei spiele der Umweltschutz für die meisten nicht die Hauptrolle, hat Brunelle beobachtet. Der Hauptfaktor sei der Fahrspaß: „Alle, die zum ersten Mal im Elektroauto gefahren sind, steigen mit leuchtenden Augen wieder aus.“ Allein das Anfahren am Berg: „Früher mit dem Benziner habe ich mich das Höllental hochgequält. Ganz anders mit dem E-Auto, das bei jeder Drehzahl die volle Kraft leistet. Das gilt auch für den Start an der Ampel oder beim Überholen. Man muss sich keine Gedanken machen. Das Auto fährt einfach.“

Popcorn-Effekt

Gern verglichen wird die Entwicklung der Elektromobilität mit selbst gemachtem Popcorn. Erst einmal passiert nichts, wenn eine gewisse Temperatur erreicht ist, ploppen ein bis zwei Körner auf, „unser heutiger Zustand“, so Brunelle, und dann explodiert alles auf einmal. „Dies kann in zwei bis drei Jahren passieren: Im Moment wird viel Energie reingesteckt, wenn dann die Autos weiterentwickelt sind, die Fahrzeugpreise sinken und das Ladestationennetz entsprechend ausgebaut ist, sind Elektrofahrzeuge eine wirkliche Alternative.“

Auf dem Fahrzeugmarkt sind derzeitfamilienfreundliche und bezahlbare Modelle mit entsprechender Reichweite noch selten. Brunelle ist oft in China, hier sei man deutlich weiter. „Aber auch die deutschen Autobauer engagieren sich inzwischen ernsthaft. Sie müssen umschwenken, um nicht abgehängt zu werden. Das ist nicht einfach und braucht seine Zeit.“ Frühestens 2018, schätzt er, werden die ersten Neuentwicklungen aus Deutschland auf dem Markt landen. Sein Tesla ist übrigens für vollautonomes Fahren eingerichtet. „Wenn es soweit ist, muss nur die Software umgestellt werden.“

Jérôme Brunelle…

…ist Lehrer an der Werkrealschule Empfingen. Davor war er 20 Jahre lang als Hörfunkjournalist tätig. Seit Anfang der 90er-Jahre befasste er sich immer wieder mit dem Thema Elektromobilität. Sein „Fuhrpark“ umfasst einen Renault Twizy und das Tesla Model S60. Zusammen mit Jana Höfner (www.zoepionierin.de) betreibt er den 14-tägigen Podcast electric-bw (unter www.electrifybw.de) und hält Vorträge zum Thema Elektromobilität.

Teil 2…

gibt es hier zu lesen.

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3 Gedanken zu „E-Motion statt Emission – Teil 1“

  1. Sehr guter Artikel. Leider habe ich auch am Anfang gedacht, mein selbst erzeugter und genutzter Strom ist quasi kostenlos. Bei der nächsten Steuererklärung habe ich mich gewundert. Ich musste den selbst genutzten Strom versteuern. Nur mal so als Anmerkung.

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